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Sonntagsgedanke – 8. Juli 2018

Kürzlich habe ich mein Zimmer gründlich "ausgemistet" und vieles entsorgt, das ich seit Jahren nie mehr in die Hand genommen hatte. Dabei stiess ich auf alte Tagebücher, Texte und Predigten.

Wie haben mich meine alten Predigten enttäuscht! "Wie leicht beginnt man, Phrasen zu dreschen! Sind sie denn viel mehr als warme Luft?" So dachte ich. Habe ich nicht einfach ins Blaue hinaus behauptet, ohne begründen zu können?

Die Predigt hat vor allem die Aufgabe, die verkündeten Schrifttexte zu erklären, auszulegen, sie in einen grösseren Zusammenhang zu stellen und mögliche Bezüge zur Alltagswirklichkeit aufzuzeigen. Das geschieht mit Hilfe der Exegese, der Bibelwissenschaft, der Theologie und der Fähigkeit des Predigers, zwischen Zeugnissen der Vergangenheit und den Umständen der Gegenwart zu vermitteln.

Das eigentliche Problem stellt sich allerdings viel früher. Warum gehen mich diese Texte überhaupt etwas an? Worin besteht ihre Verbindlichkeit?

Diese Frage hat sich wohl schon zur Zeit der ersten Christen gestellt. Ein gutes Beispiel dafür findet sich im 15. Kapitel des ersten Briefes des Apostels Paulus an die Korinther: "Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäss der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäss der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf." Es handelt sich bei diesen Versen wohl um das älteste Zeugnis der Auferstehung Jesu. Es verortet die Erfahrung der Auferstehung als folgerichtige Erfüllung in den Verheissungen des Alten Testaments, das in der damaligen jüdischen Welt eine allgemein verbindliche Autorität darstellte, von der man einfach ausgehen konnte.

Ich glaube kaum, dass sich für uns Europäer heute eine vergleichbare allgemein anerkannte Grundlage findet wie sie das Alte Testament damals für das Umfeld der ersten Judenchristen darstellte. Wir leben in einem andern Umfeld und zu einer anderen Zeit. Wo also soll der Prediger den Glauben festmachen? Ist er nicht zu einer abgebrochenen Eisscholle geworden, die auf dem Meer dahintreibt und zudem unter dem Einfluss der Klimaerwärmung immer kleiner wird und seiner vollständigen Auflösung zugeht?

Den Glauben als unwiderlegbar beweisen zu wollen, ist ohnehin unmöglich. Er gehört einer andern Ordnung der Wirklichkeit an als etwa die Phänomene, die von den Naturwissenschaften beschrieben werden. Die Kirchenväter haben in diesem Zusammenhang vom "Mysterium" gesprochen: In ihm werden nicht neue innerweltliche Fakten und Zusammenhänge erhoben und ausgeleuchtet, sondern es wird Vorgefundenes und Bekanntes gedeutet; dadurch entsteht Sinn und damit Bewegungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, Leben.

Ich schreibe diese Zeilen am Dreifaltigkeitsfest in Rom. Das Institut, an dem ich unterrichte, ist menschenleer. In meinem Zimmer ist es still, ich höre die Vögel zwitschern, habe soeben das Brevier gebetet und zuvor in der Kapelle ganz allein die Messe gefeiert. Das Fenster ist offen, ebenfalls die Tür, ein warmer Wind streicht durch das Zimmer.

Die Predigt, die den Glauben nicht im Sinn der Naturwissenschaft begründen kann: warme Luft. Warme Luft? Wie wohltuend, wenn man aus dem Winter kommt und sich nach der Sonne sehnt! Die Haut nimmt die fächelnde Bewegung des milden Luftstroms wahr, die eine wohlige Entspannung der Muskeln und des Geistes auslöst. Die schmelzende Eisscholle in der Klimaerwärmung? Sie verändert ihren Aggregatszustand, wird zu Wasser aufgelöst, das sich wiederum mit dem umgebenden Wasser verbindet und es durchwirkt. Man kann die Dinge immer auch anders sehen.

Die Glaubende, auch der Prediger, kommt jedenfalls nicht am Mysterium vorbei, auch heute nicht. Es ist nicht sezierbar in einzelne Bestandteile, nicht restlos objektivierbar, nicht von der Erfahrung ablösbar – aber auch nicht von der Person Jesu Christi, der das christliche Mysterium schlechthin verkörpert.

Man kann das Mysterium nicht zwingen, uns zur Erfahrung zu werden, die auf Beweise verzichten kann. Im Frieden des Dreifaltigkeitsfestes scheint mir aber, als ob sich das Mysterium gern wie von selbst in der Stille erschlösse, das Zwitschern der Vögel liebte, die Sonne und den Sonntag als den Tag, der nicht vom Druck der Reizüberflutung und der Hektik des Alltags belastet ist.

Pater Theo Flury

 
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