Gedanken zum Barmherzigkeitssonntag

Gottes Barmherzigkeit fordert den Menschen heraus

In der Karwoche las ich «Über den Schmerz» von C. S. Lewis (+1963), ein höchst inspirierendes kleines Büchlein (Freiburg 1966; die nachfolgenden Zitate sind dieser Ausgabe entnommen)! Darin versucht Lewis u. a. zu zeigen, dass Gottes Liebe, die einen Menschen erreicht, diesen nicht dort stehen lässt, wo er gerade ist. Im Gegenteil: Sie fordert ihn, möchte, dass er aufsteht, dass er zu der Grösse heranwächst, die der Schöpfer in ihm sieht (während diese Grösse dem Menschen selbst sowohl verborgen wie in seiner Sehnsucht «angezeigt» ist).

Lewis verwendet eine Analogie: Der Mensch als grosses Kunstwerk, für das Gott die grösste Mühe aufwendet, die dieses Kunstwerk dann auch zu spüren bekommt: es wird behauen und bepinselt, dann wieder radiert und korrigiert, hundertmal neu angefangen. Alles, was dieses Kunstwerk verfälscht und es unvollkommen lässt, muss weg. Die Crux dabei: Der Mensch als so bearbeitetes Kunstwerk könnte sich wünschen, dass Gott von ihm lasse. Lieber bliebe er ein unbearbeiteter Stein, eine rohe Skizze, ein unvollendetes Kunstwerk als dass er so bearbeitet würde.

Einher ginge damit der Wunsch nach einem «lieben Gott», wie Lewis sehr humorvoll schreibt: «Was uns wirklich passen könnte, das wäre ein Gott, der zu allem, was wir gerade täten, sagen würde: ‘Was macht es schon, solange sie nur zufrieden sind?’»

Dann aber – so Lewis – «wünschen wir uns nicht mehr, sondern weniger Liebe… Liebe kann alle Schwächen vergeben und ihnen zum Trotz lieben; aber Liebe kann nicht aufhören, zu wünschen, dass sie verschwinden. Liebe ist empfindlicher als selbst der Hass gegen jeden Makel an dem Geliebten… Von allen Mächten verzeiht die Liebe am meisten, aber sie entschuldigt am wenigsten; sie erfreut sich an wenig, aber sie verlangt alles.»

Dass Gott den Menschen liebt und sich nicht auf unbeteiligte Weise mit seinem Wohlergehen befasse, ist für Lewis eine «schauererregende und überraschende Wahrheit. «Wer verlangt, Gottes Liebe solle sich mit uns, wie wir sind, begnügen, der verlangt, Gott solle aufhören Gott zu sein.

Gottes Barmherzigkeit fordert den Menschen heraus – und der heilige Benedikt mahnt in seiner Regel: Verzweifle an Gottes Barmherzigkeit nicht! (RB 4,74).

Allen einen herausfordernden Weissen Barmherzigkeitssonntag!

P. Daniel Emmenegger | 27.04.2019


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